Seite 1 von 3 123 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 25

Thema: Post aus Big Brothestan

  1. #1
    Registriert seit
    13.07.2009
    Beiträge
    229

    Standard Post aus Big Brothestan

    Nehmen wir mal an, die Post eines fernen Staats – nennen wir ihn Big Brothestan – würde eine schnelle Luftpostverbindung von und nach Europa anbieten, praktisch kostenfrei. Die Frachtflugzeuge landen im Stundentakt auf fast allen größeren Flughäfen. Über den Umweg Brothestan könnten Sendungen fast genauso schnell, aber deutlich kostengünstiger, von Hamburg nach München transportiert werden als mit der Bahn. Für die Postunternehmen, die im scharfen Wettbewerb stehen, durchaus eine lukrative Alternative - auch wenn ihnen das brothestanische Geschäftsmodell nicht ganz plausibel erscheint.

    Würden Sie einem Postdienstleister, der diesen Weg nutzt, vertrauen? Würden Sie ihm Ihre private oder geschäftliche Korrespondenz anvertrauen? Und was würden Sie sagen, wenn herauskommt, dass die brothestanischen Sicherheitsbehörden alle Absender und Adressaten speichern? Wenn sie die Sendungen öffnen und den Inhalt kopieren, aber nur auf eigenem Territorium, und nur, wenn Absender oder Empfänger nicht in Big Brothestan wohnen? Und würde Sie die Aussage der brothestanischen Regierung beruhigen, all das geschehe „streng nach dem Gesetz“ und werde kontrolliert durch ein Geheimgericht?

    Und was würden Sie von der Einschätzung eines hiesigen Politikers halten, man könne da nichts machen, denn so sei nun mal die Welt? Jedem stehe es im übrigen frei, keine Päckchen mehr zu versenden. Und man könnte seine Briefe ja auch mit Geheimtinte schreiben, die von Kopierern nicht erfasst werde. Zudem müsse man Verständnis für die Praxis der brothestanischen Behörden aufbringen, denn auch bei uns ginge die Sicherheit allen anderen Grundrechten vor.

    Zum Glück ist das eine rein fiktive Geschichte. Big Brothestan gibt es nicht, es gibt keine kostenlosen Luftfrachtverbindungen in dieses Land und auch nicht Politiker, die zur Geheimtinte raten. Wir können also beruhigt sein.

    Wirklich?

    Ihr

    Peter Schaar
    Geändert von Peter Schaar (29.07.2013 um 09:39 Uhr) Grund: Typo korrigiert

  2. #2
    Registriert seit
    10.02.2011
    Beiträge
    1.926

    Standard

    Zitat Zitat von Peter Schaar Beitrag anzeigen
    Und was würden Sie sagen, wenn herauskommt, dass die brothestanischen Sicherheitsbehörden alle Absender und Adressaten speichern?
    Ich würde sagen: Willkommen in Big Brothestan?
    "... räumte auch die Deutsche Post ein, dass Absender- und Empfängerangaben
    der täglich etwa 66 Millionen Briefsendungen automatisch gescannt und elektronisch
    aufgehoben werden."

    Und ich würde den BfDI fragen: Was ist darüber bekannt? Welche Briefsendungen auf welcher rechtlichen Grundlage? Warum? Wofür? Und was sind "interne Zwecke"?

  3. #3
    Registriert seit
    13.07.2009
    Beiträge
    229

    Standard

    Dazu habe ich schon in meinem beiden letzten Tätigkeitsbericht geschrieben (23. TB Nr. 6.11, 24. TB, Nr. 17). Neueren Informationen gehen wir nach. MfG Peter Schaar

  4. #4
    Registriert seit
    10.02.2011
    Beiträge
    1.926

    Standard

    Ja, beides ist bekannt und ließ die gestellten Fragen offen. Die neueren Informationen, sofern sie zutreffen, scheinen doch etwas andere Ausmaße als Stichprobenerhebungen für Abrechnungen im internationalen Postverkehr zu haben. Zumal sich bei dieser Anzahl täglicher Briefsendungen wohl auch die Frage nach dem innerdeutschen Briefverkehr stellt?

    Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie und Ihre Mitarbeiter dem nachgehen würden.
    Mit vielem Dank.

  5. #5
    Registriert seit
    20.07.2013
    Beiträge
    8

    Standard

    Interessant Reduktion auf ein beispielhaftes Bild. Vielleicht wird es so ja auch den Unpolitischeren begreiflich.

  6. #6
    Registriert seit
    17.03.2010
    Beiträge
    1.042

    Standard

    Zitat Zitat von Peter Schaar Beitrag anzeigen
    Nehmen wir mal an, die Post eines fernen Staats – nennen wir ihn Big Brothestan – würde eine schnelle Luftpostverbindung von und nach Europa anbieten, praktisch kostenfrei. Die Frachtflugzeuge landen im Stundentakt auf fast allen größeren Flughäfen. Über den Umweg Brothestan könnten Sendungen fast genauso schnell, aber deutlich kostengünstiger, von Hamburg nach München transportiert werden als mit der Bahn. Für die Postunternehmen, die im scharfen Wettbewerb stehen, durchaus eine lukrative Alternative - auch wenn ihnen das brothestanische Geschäftsmodell nicht ganz plausibel erscheint.
    Ich halte es für klug, das doch sehr abstrakte Thema Datenschutz auf eingängige Beispiele herunterzubrechen, denn Datenschutzverletzungen tun nicht unmittelbar weh. Man kann sie nicht anfassen, man spürt sie nicht, man schmeckt sie nicht. Sie wirken aber wie Radioaktivität: Sie reichern sich an. Krankmachen oder Töten tun sie auch - wie Radioaktivität - nicht jeden, eher statistisch, scheinbar zufällig.

    Aber sie lähmen eine ganze Gesellschaft, verunmöglichen schleichend Meinungsfreiheit und Demokratie, denn niemand, der meint, er "habe etwas zu verlieren" muckt auf, demonstriert am Samstag, den 27.7.13 öffentlich.

    Wer individuell "stirbt" bestimmt, anders als bei der Radioaktivität, aber nicht atomare Stochastik, sondern der Datenbankinhaber. Er sagt gleichsam: Wehre du dich nicht, ich weiß alles über dich! Ich weiß, was du denkst. Ich weiß mehr als du über dich selbst weißt. Ich weiß deshalb auch, was für dich gut ist. Auch wenn du es noch nicht weißt.

    Ich habe aber noch ein Problem mit dem obigen Beispiel:

    1. Es gibt in den USA keine "schnellere Post". Diese schnellere Post gibt es weltweit, auch ohne die USA. Das Internet braucht die USA nicht. Es würde ein paar Tage "flackern", wie bei einem Lastwechsel während eines Gewitters, aber dann wäre ein europäisches, euro-asiatisch-australisches* Internet funktionsfähig. Die USA haben lediglich EIN Monopol, was aber jederzeit beseitigt werden kann, was die Funktionalität des Internets angeht: Die Umwandlungsdatenbank (ICANN) von IP-Adressen in Domainnamen. Es ist kein Teufels- oder Hexenwerk eine parallele Struktur langsam in Europa aufzubauen. Freilich würden die USA sich zieren, zunächst blockieren und fluchen ("Liberty Fries", "Weazels", "Old Europe" etc.), aber aus rein kommerziellem Interesse würden sie ihr dadurch dann zunächst isoliertes nationales Internet rasch wieder dem euro-asiatisch-australischem Internet öffnen.

    2. Das Internet ist aus heutiger Sicht eine triviale Vernetzung von Rechern, die (selbstverständlich) ein Protokoll ("Sprache") braucht, um zu funktionieren. Zum erfolgreichen und die Gesellschaft herausfordernden Massenmedium wurde es erst durch die Erfindung des World Wide Web 1992 in Genf (Schweiz).

    * Mir graut davor, dass Orwell auch insoweit noch Recht bekommt, dass es eine Spaltung in drei weltweite Machtblöcke geben wird.
    Geändert von Peter_Neulich (29.07.2013 um 16:05 Uhr) Grund: Liberty fries, not French fries !!!!! ;-)

  7. #7
    Registriert seit
    10.02.2011
    Beiträge
    1.926

    Standard

    Euro-asiatisch-australisch? Die Australier gehören zur Five Eyes Alliance! Und die Chinesen haben Tianhe-2 bestimmt nicht aus Langeweile gebaut. Ich bezweifle, daß der Umfang ihrer Kommunikationsüberwachung geringer ist. Ich denke eher, daß sie die USA in Technologie und Knowhow längst überholt haben. Und ich weiß immer noch nicht, warum Chinesen, Russen und all die anderen Big Brothestaner bei der ganzen Geschichte nicht hinterfragt werden, denn "das Problem" ist sicher nicht auf die USA und seine Dienste beschränkt. Die haben sich nur erwischen lassen.
    Darum wäre es schon ein Schritt in die richtige Richtung, sich über eine globale Lösung Gedanken zu machen. Nationale oder regional begrenzte Netze dürften das wohl kaum sein und würden außerdem nicht vor nationalen Brothestanern schützen. Nicht das Netz ist das Problem und auch nicht der Datenbankinhaber. Das Problem ist die Beschaffung und der Umgang mit den Daten und das muß reguliert werden.

    Zitat Zitat von Peter_Neulich Beitrag anzeigen
    Das Internet braucht die USA nicht...
    Das Internet ist aus heutiger Sicht eine triviale Vernetzung von Rechern...
    Was wohl die Iren dazu sagen, wenn die US-amerikanischen Firmen ihre Zelte abbrechen? Was wohl die ganzen IXP und ISP sagen, wenn die US-amerikanischen Router- und Switch-Hersteller Support und Wartung ihrer Geräte verweigern oder gar keine Geräte mehr verkaufen?

    Hier nur einige nicht technische Beiträge zur ITU-Konferenz im letzten Dezember: Netz-Experte warnt vor Re-Nationalisierung des Internets, Auf der ITU-Konferenz droht "Kalter Krieg" ums Internet, USA blockieren staatliche Netzregulierung, IT-Unternehmer: Einige Länder wollen das Internet unter nationale Kontrolle bringen
    So, und wenn das mit dem Völker- und sonstigem Recht in 20 Jahren geklärt ist (und 10 Jahre später vielleicht auch noch das Verbot des Datenschutz-Ablaßhandels durchgesetzt wurde), dann könnte man anfangen, sich über technische Strukturen Gedanken zu machen.
    Trivial? Das sind die heutigen, bekannten Kabel, ohne weitergehende nationale Verbindungen und vor allem: ohne logische Strukturen wie Routing u.ä.: http://www.submarinecablemap.com/, http://global-internet-map-2012.telegeography.com/
    Diese 138 IXP müßten sich in Europa einig werden. Europäer, die sich nicht einmal zu einer Datenschutz-Grundverordnung durchringen können! https://www.euro-ix.net/europe und weltweit diese: https://www.euro-ix.net/resources-list-of-ixps
    Und die ganze Trivialität läßt sich vielleicht hieraus erahnen: http://www.caida.org/research/topolo...-2000x1117.png

    Zitat Zitat von Peter_Neulich Beitrag anzeigen
    Es würde ein paar Tage "flackern", wie bei einem Lastwechsel während eines Gewitters, aber dann wäre ein europäisches, euro-asiatisch-australisches* Internet funktionsfähig.
    Ja, eigentlich wäre es nichts anderes als beim Umzug eines Rechenzentrums: Laptop zuklappen, ins andere Zimmer gehen, Laptop aufklappen. Fertig. (http://www.freizeitfreunde.de/system...86042158_n.jpg)

  8. #8
    Registriert seit
    20.07.2013
    Beiträge
    8

    Standard

    Die Politiker raten nicht nur zu Geheimtinte, sie sind Teil von Brothestan.
    siehe z.B.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitr...C3%BCr-Amerika

  9. #9
    Registriert seit
    17.03.2010
    Beiträge
    1.042

    Standard

    @anzolino: Ich nehme an, du hast mit allem, was du oben schreibst recht. Mir kam es nur darauf an, aufzuzeigen, dass es auch ohne die USA geht. Denn mein Eindruck ist, dass die Menschen das vergessen. Die fehlende Elemente, die du nennst, würden sich blitzschnell in Europa aufbauen.
    Die Iren würden zunächst laut jammern, hätten aber auch eine Chance auf steuern zahlende Unternehmen, die ihre Gewinne nicht in die USA/Bermuda/Cayman Islands überweisen, wie die US-Konzerne.
    Im Übrigen würde ich natürlich den Zusammenschluss mit dem neuen internationalen Netz nicht mit unfreien Diktaturen zusammen planen.

    Im Übrigen bin ich nicht dafür, das tatsächlich umzusetzen, sondern es wenigstens einmal gedanklich zu akzeptieren, dass das entscheidende HighTech aus Europa (Computer, MP3, WWW, ... ) kommt und Europa völlig selbständig auf höchstem Niveau funktionieren könnte.

    Ohne dieses Bewusstsein muss man sich ja auch nicht wundern, wenn die USA uns als Kolonie behandeln bzw. Absatzmarkt hier erfundener, aber dort mit Marketinggetöse und heißer Luft zurückgeschickter Produkte.

  10. #10
    Registriert seit
    13.07.2009
    Beiträge
    229

    Standard

    Lieber Anzolino,

    die Sendungserfassung durch Postunternehmen stellt sich nach weiteren Recherchen so dar:

    Die Erfassung von Daten über den Postverkehr richtet sich für Unternehmen, die geschäftsmäßig Postdienstleistungen erbringen, nach der auf der Grundlage des § 41 Postgesetz erlassenen Postdienste-Datenschutzverordnung. Danach dürfen von Postdienstleistern Briefsendungen für konkret bestimmte Zwecke erfasst und unter Beachtung der vorgegebenen Speicherfristen gespeichert werden.

    Briefsendungen durchlaufen, nicht nur bei der Deutschen Post AG, sondern auch bei vielen kleineren Postdienstleistungsunternehmen, Sendungssortiermaschinen zur Beförderungsabwicklung. Dabei werden die Briefsendungen mit dem Adressfeld automatisch abgelichtet. Diese Daten sind z. B. nötig, um automatisiert den Leitcode auf den Umschlag zu drucken, der die Weiterbeförderung und die Zustellung wesentlich erleichtert. Der aufgedruckte Leitcode enthält nur die Angaben zu Ort, Straße und Hausnummer, nicht aber mehr den Namen des Empfängers. Die Aufnahmen enthalten nur dann Absenderangaben, wenn diese auch auf der Vorderseite der Briefsendung stehen. Mit Ausnahme der Sendungen, die maschinenlesbare Frankierungen enthalten, werden die Sendungsfotografien sofort gelöscht; bezüglich der Speicherdauer der restlichen Sendungsfotografien nach der Entgeltsicherung bin ich im Gespräch mit der Deutschen Post AG.

    Bei kleineren Postdienstleistern erfolgt die Ablichtung auch für Abrechnungszwecke, da diese ihre Beförderungsleistung (Einsammeln, Weiterleiten oder Ausliefern von Postsendungen an den Empfänger) in Vorleistung erbringen, da keine vorherige Freimachung erfolgt. Durch die Ablichtungen kann der Nachweis der beförderten Sendungsmenge für die Abrechnung erbracht werden. Zudem wird den kleineren Unternehmen ein von der Bundesnetzagentur gewünschter sog. "Mehrwertdienst“ ermöglicht, da durch die Ablichtungen die erbrachte Beförderungsleistung auch gegenüber den Kunden belegt werden kann. Auch hier werden die Daten nach Zweckerfüllung gelöscht.

    Die Kunden werden in der Regel auch über die jeweiligen AGB`s über die Datenverarbeitung informiert. Mir liegen keinerlei Hinweise vor, dass personenbezogene Daten von den Postdienstleistern für andere als den gesetzlich vorgesehenen Zweck genutzt werden.

    Ich hoffe, dass ich damit etwas mehr Licht in das Dunkel gebracht habe.

    MfG
    Peter Schaar

Seite 1 von 3 123 LetzteLetzte

Ähnliche Themen

  1. Werbung per Post erhalten..
    Von datenfrager im Forum Werbung, Direktmarketing, Adressenhandel
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 19.04.2012, 19:41
  2. Unterschied zwischen GET und POST
    Von Marder im Forum Spezielle Techniken
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 13.01.2012, 09:35
  3. Personalausweisnummer bei der Post
    Von Holzauge im Forum DATENSCHUTZ IM ALLTAG
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 08.07.2011, 08:40
  4. Datenschutz bei Arge Post
    Von Kollchen im Forum DATENSCHUTZ IM ALLTAG
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 25.02.2011, 12:08
  5. Post vom Bundesamt geöffnet?
    Von Tommy im Forum OFF TOPIC
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 30.09.2009, 07:06

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •