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Thema: Anonymes Denunzieren von Ärzten jetzt (auch) laut Urteil möglich? Keine Abwehr?

  1. #1
    Dozent+Auditor-Dirk Gast

    Böse Anonymes Denunzieren von Ärzten jetzt (auch) laut Urteil möglich? Keine Abwehr?

    Sehr verehrte Leser,

    soeben die Meldung
    Aktenzeichen 16 U 125/11

    weiter:
    http://www.gmx.net/themen/gesundheit...hmen#.A1000146


    In der Begründung unter:

    http://www.lareda.hessenrecht.hessen...e=1&doc.part=L

    fand ich einen bemerkenswerten Satz:

    "Meinungsäußerungen aus der Masse heraus seien nicht schutzwürdig"


    Soll das andeuten, dass jeder Nepp Schindluder in unqualifizierter Textform Studierten zumuten kann?

    Der Satz etwas umgewandelt kenne ich seit meiner Kindheit aus der Fotografie:
    "Das ungezielte Fotografieren in die Menge trifft nicht auf die Wahrung des Rechts einer einzelnen Person auf dem Foto abgebildet zu werden."

    Was für Möglichkeiten könnten jetzt auch hier gegeben sein:

    - man macht mehrere Benutzer(accounts) auf und kann somit eine "Meinungs"-"Vielfalt" vortäuschen
    - Ärzte könnten sich gegenseitig Grabenkämpfe liefern
    - Unzufriedene (mit der Bezahlung der 10 Euro "Tresengebühr") bieten ihre verworrenen Wahrnehmungsergüsse an namentlich Benannte (als Anonymer) dar...


    Desweiteren meine Wahrnehmung:
    Wer einer anonymen "Bewertung" aufsitzt, der möchte doch sehr wohl diese gelöscht wissen, denn er kann den Menschen nicht direkt darauf ansprechen.
    Vergleich:
    Bei Dozenten gibt es den Bewertungsbogen für den Dozenten, dort kann sehr wohl direkt bewertet werden und Kritik personifiziert werden.

    Ich denke, es handelt sich sehr wohl um einen (ziemlich miesen) Eingriff in das Persönlichkeitsrecht.

    Man sollte hinterfragen, warum dieses Portal überhaupt existiert, wer es aufgemacht hat und zu welchem (wirklichen) Zweck.

    Vermutlich wird dieses Urteil gekippt werden.

    Wie kommt so etwas überhaupt zustande?
    Vermutlich müssten auch jene Richter in solchen Portalen einer "ordentlichen Bewertung" zugeführt werden, sie würden gänzlich anders entscheiden.


    Liege ich mit meiner Ausführung nicht ganz so falsch?

    Manchmal überlege ich ernsthaft, ob ich mein laienhaftes Rechtsverständnis durch ein erquickliches Jurastudium vertiefen sollte, wenn ich mehr demotiviert als motiviert werden, später "Recht zu sprechen" im Sinne des "Volkes". Es könnte die Retourkutsche mich schneller ereilen, als das mir je lieb wäre.


    Mit freundlichen Grüssen

    Dirk Bergemann

  2. #2
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    08.07.2009
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    2.092

    Standard

    Hallo dozent-Dirk,

    die von Ihnen eingefügten Links konnte ich leider nicht öffnen, daher ergänzend von mir zu dem Thema folgender Link:

    http://www.jameda.de/presse/pressemeldungen/?meldung=49

    Hinsichtlich der Wortwahl (hier: 'Anonymes Denunzieren') schlage ich vor, verbal etwas abzurüsten, insbesondere wenn etwas so Elementares wie die freie Meinungsäusserung davon betroffen ist. Unabhängig davon, wie man zu solchen Bewertungsportalen und den damit verbundenen Risiken steht: Nicht jeder, der dort seine Meinung äussert, ist ein Denunziant ;-)

  3. #3
    Dozent+Auditor-Dirk Gast

    Standard

    Guten Morgen bdsb

    ja, da gehe ich zunächst voll mit Ihnen. Aber eine ernsthaft geäusserte Kritik möchte doch sicherlich auch die Möglichkeit für eine Stellungnahme beinhalten. Stellen Sie sich vor: Es gibt duzende von so genannten "Portalen" und man selbst weiß nirgends, wo wer was in welchem Zusammenhang geschrieben hat über Sie. So besonders nett ist das ja nicht. Es gibt eine Verzerrung der Realität, ein Vorabverurteilen. Damals gab es den Pranger, da warfen die armen Raufbolde dem bösen Wicht stinkende Dinge entgegen.
    Natürlich übertreibe ich ein wenig wenn ich Möglichkeiten aufzeige.

    Interessant jedoch bleibt der Ansatz:
    Warum gibt es überhaupt derartige Portale, wenn diese nicht einer Beratung gleich kommen, wie man es unter "Schraubern" kennt: "Wagentyp anno 1960, wer hat einen Seitenspiegel bzw. kann mir mit Lack aushelfen"?

  4. #4
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    1.826

    Standard

    Das mit dem verbalen Abrüsten wär ned schlächt ... zB verstehe ich das anrüchige
    Zitat als eines aus der Schrift der Klägerin und als Empörung. Kuhl daun Män.

    So absurd erscheint mir das Urteil nun nicht und ohne den leidigen Grund

    wirklich
    zu kennen will ich mich da auch nicht empören (was ist, wenn da jemand schreibt:
    "für mich ist die uneinfühlsam und ich gehe lieber zu jemand besserem" ?).

    Ich hab ein anderes Verständnis Problem (jenseits dem stets berechtigtem Ruf
    nach Fairness):

    Letzlich orientiert sich das am "Spickmich"-Urteil und in verkürzter Form hat
    das bzgl DS die Argumentation: "nicht für eigene Zwecke § 28, sondern das ist
    § 29 geschäftsmäßige Übermittlung".

    Die wesentlicheren Teile zur Meinungsfreiheit lasse ich mal weg.

    Zunächst kann ich das verstehen, wenn ich nur eng innerhalb des BDSG denke.

    Aber: das Geschäft eines solchen Portals besteht kaufmännisch ja nicht darin,
    dass an Dritte (also zB mich) übermittelt wird. Das ist doch nur der Ansatz
    um Besucher auf die Seite zu bringen. Und ganz offenbar Werbeeinnahmen zu
    erzielen - jedenfalls wenn man auf die site guckt.

    Aber das ist nicht alles:

    Auszug aus einem der AGB der Firma http://www.jameda.de/premium/agb.php
    "Der nachfolgende Vertrag regelt die Beziehung zwischen jameda und dem Mitglied
    eines Heilberufes (nachfolgend Premium-Kunde genannt) über kostenpflichtige
    Dienstleistungen von jameda."

    Die Leistung steht in den AGB nicht drin, was aber für AGB meist so ist.

    Nun könnte man immer noch meinen: naja, dann wird's eben dem Heilberufler
    übermittelt ... was aber die Werbung nicht erklärt.

    Für mich ist's eine mehrfache Geschäftbeziehung.

    Aus den Jahresabschlüssen kann man zwar erkennen, zu welchem Konzern sie dann
    letzlich gehören (und für mich lesen sich die Zahlen unerfreulich).

    Aber die Mühe beim HRB nach dem Unternehmenszweck zu suchen habe ich mir wegen
    Geld gespart.


    So, nun kurz mein Problem: das Geschäft besteht sicher nicht darin, irgendwelchen
    Dritten (zB dem haderner) die Daten zu übermitteln.

    Und genau das verstehe ich in der Argumentation nicht.

    Die Meinungsfreiheit sehr wohl. Und halbwegs gesitteter Form ist das wünschenswert.


    Relevante Links:

    "Spickmich" http://lexetius.com/2009,1764?version=drucken
    "Ärzteportal" http://www.lareda.hessenrecht.hessen...e=1&doc.part=L

  5. #5
    Dozent+Auditor-Dirk Gast

    Standard Antwort

    unter dem "spick mich"... fand ich, dass man dort Namen der Lehrer einträgt? Ging das wirklich durch?

    4
    Dort können Aspekte wie die Ausstattung der Schule, das Schulgebäude aber auch Faktoren wie der "Partyfaktor" und der "Flirtfaktor" mit Noten bewertet werden. Auf dieser Seite können unter dem Menüpunkt "Lehrerzimmer" die Namen von Lehrkräften, die an der Schule unterrichten, eingetragen werden.


    Zum "Bewerten" generell die Beobachtung:
    Der Bewertende bewertet sich im Grunde genommen selbst. Er bewertet seine eigene seelische, fachliche Verfassung, seinen Erwartungshorizont vergleicht er in der Sekunde des Vorganges der "Bewertung" mit dem für ihn Wahrgenommenen. Was man nicht wahrnimmt, nicht erwartet, dass existiert faktisch nicht.

    In einer andere Sekunde würde er völlig anders entscheiden!


    Somit haben die "Bewertungen" grundsätzlich kaum einen Anhaltswert für den Bewerteten selbst.

    Somit haben "Bewertungsportale" grundsätzlich ihr Ziel verfehlt.
    Es sind Spiegelbilder der Bewertenden höchst selbst. Man könnte auch schreiben: "Bitte bewerten Sie sich jetzt selbst" aber man schreibt: "Bitte bewerten Sie Person XCV jetzt".

    Schauen Sie mal: Haben Sie als Student, als Azubi und dergleichen selbst mal gefragt: "Na, wie ist der denn so der Lehrer?" und dann haben Sie eine Antwort erhalten. Die Antwort hat Sie sicherlich beeinflusst in der Wahrnehmung. Allerdings haben Sie dann erstaunt festgestellt, dass der Lehrer ja doch nicht so ist, wie man gesagt hat!

    Also sind "Bewertungsportale" lediglich eine "Modeerscheinung" und täuschen vor, was nicht ist.

    Vielleicht sollte man es als "rosa Rauschen" hinnehmen und es dem Zwecke der Boulevard-Zeitungen gleichstellen: zur Unterhaltung. Ohne Anspruch auf Seriösität, nicht verwertbar.

    VG

  6. #6
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    Meine persönliche Meinung:

    Was wären Handelsportale wie ebay ohne Bewertungen? Wie funktioniert die Kreditwirtschaft ohne Auskunfteien und die Schufa?

    Vertrauen ist die Grundlage. Geschaffen durch Information seitens anderer Marktteilnehmer. Ich fürchte, am Bedarf kann man kaum rütteln.

    Die Achillesferse ist der Rechtsschutz. Im allgemeinen gehen einzelne Willkür-Bewertungen in der Menge unter. Es sollte aber eine Schutzmöglichkeit bei Verdacht auf organisiertes Bashing geben. Dieses Thema wird uns sicher weiter beschäftigen.
    Ulrich Dammann
    Moderator - Administrator

  7. #7
    Registriert seit
    03.08.2011
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    609

    Standard

    Zitat Zitat von Dozent-Dirk Beitrag anzeigen
    Soll das andeuten, dass jeder Nepp Schindluder in unqualifizierter Textform Studierten zumuten kann?
    Bestimmt nicht - so es tatsächlich "Studierte" trifft und nicht einen jener Rettungssanitäter oder Friseurgesellen, die es auch bis zum Oberarzt bringen konnten und können in Anbetracht des Datenschutz-Deckles über das humanmedizinische Approbationsregister.

    Wegfallen sollte aber auch Dauer-Schleichwerbung in den Medien und das Führen gekaufter Professoren-Titel von sogenannten Privatuniversitäten und solchen aus Südamerika und Osteuropa. Auch die taxfreie Verleihung des "Dr.med." an aus Russland eingewanderte Ärzte wäre entbehrlich, denn sie trägt zum Misstrauen erheblich bei.

    Jedem Arzt, der um seinen guten Ruf besorgt ist, steht auch eine Reihe von Instrumentarien zur automatischen Beobachtung von Internet-Publikationen zu Verfügung. Wenn schon der Plattformbetreiber unsachliche Angriffe nicht unterdrücken kann oder will, dann gibt es zumindest für deren kurzfristige Löschung genügend Möglichkeiten.

    Wie gut solche Bemühungen greifen können, zeigen ja auch diverse Lehrer-Beurteilungen. Es ist kaum möglich, einen wg. nachweislicher Inkompetenz anzuschwärzen, wegen seiner radikal-politischen Ausrichtung, wg. seiner Arbeitsscheu etc. Und im Gegensatz zu diesen haben gute Ärzte auch eine Heerschar dankbarer, zufriedener Patienten, die zur Verteidigung bereit sind. Um das Seelenheil Jener, die falsche Beine abschneiden, Chrurgiebestecke im Körper vergessen oder erdichtete Ferndiagnosen erstellen, mache ich mir keine Sorgen. Ärztepfusch kommt ohnedies viel zu leicht ungeschoren davon...

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