Ergebnis 1 bis 9 von 9

Thema: Prima leben ohne Privatsphäre?

  1. #1
    Registriert seit
    13.07.2009
    Beiträge
    229

    Standard Prima leben ohne Privatsphäre?

    Ich habe das Wochenende genutzt, um das Buch „Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre“ von Christian Heller zu lesen. Positiv überrascht hat mich die differenzierte Darstellung der Rolle des Privaten in der Geschichte. Heller ist zuzustimmen, dass die Vorstellung von Privatsphäre und Öffentlichkeit einem Wandel unterliegt. Manches, was historisch unter Privatsphäre firmierte, erscheint aus heutiger Sicht antiquiert. Und dass bisweilen auch Benachteiligung und tradierte Rollenverständnisse unter der Decke des Privaten verdeckt wurden, ist nicht zu leugnen. Heller analysiert zutreffend, dass das im 19. und 20. Jahrhundert gewachsene Verständnis von Privatsphäre nicht unverändert in das 21. Jahrhundert gerettet werden kann. Auch die vom Autor geschilderten technologisch bedingten Herausforderungen für die Privatsphäre sind nicht zu leugnen. Soweit das Positive!

    Zu kurz greift mir allerdings die These, dass die technisch nahezu unbegrenzten Speicherungs- und Auswertungsmöglichkeiten zwangsläufig dazu führen, dass alle digital erfassten Informationen öffentlich werden. Die Post-Privacy-Bewegung klammert sich geradezu an die Annahme, dass Daten, die einmal digital erfasst wurden, unkontrollierbar und öffentlich seien. „Die Privatsphäre ist weg – machen wir das Beste daraus“ – das ist das Fazit von Post Privacy. Ein wenig erinnert mich diese Argumentation an die (vulgär-)marxistische Lehre, dass sich Gesellschaften zwangsläufig entwickeln und es den Menschen nur noch an der „Einsicht in die Notwendigkeit“ mangele. Diese behauptete Zwangsläufigkeit besteht aber weder technisch, noch rechtlich. Richtig ist, dass die Speicherungsmöglichkeiten heute ungleich größer sind als in Zeiten analoger Datenverarbeitung. Trotzdem lassen sich auch digitale Informationen schützen, sei es durch neuartige Verschlüsselungs- und Datenseparierungskonzepte oder traditionellen Zugriffsschutz. Auch in Zeiten von WikiLeaks sind vielfältige Informationen (zum Glück) rechtlich schützenswert und technisch geschützt.

    Undifferenziert ist auch, wie der Autor die verschiedenen Akteure einschätzt, die mit Daten umgehen. Er differenziert nicht zwischen den Betroffenen, die ihre Gesundheitsdaten vertraulich behandelt sehen wollen, oder den Hausbesitzern, die das Abbild ihrer Häuser nicht in StreetView wünschen. Sie werden – erstaunlicherweise zusammen mit Unternehmen und staatlichen Stellen – in einen Topf geworfen mit der Aufschrift 'Datenverweigerer'. Sie alle seien ängstlich darum bemüht, ihre Daten zu kontrollieren und damit einer „guten“ Öffentlichkeit vorzuenthalten. Zu den Datenverweigerern in der ersten Reihe gehören natürlich die Datenschützer, die mit ihrer völlig veralteten Vorstellung von Privatsphäre der Gesellschaft neue Erkenntnisse über sich selbst vorenthalten wollen. Dass Heller keinen kritischen Blick auf jene Unternehmen wirft, deren Geschäftsmodelle auf umfassender Registrierung und Profilbildung beruhen, verwundert da schon nicht mehr. Hellers einziger Kritikpunkt an Facebook & Co.: Sie bunkern die Daten und ermöglichen den Nutzern zu viele Stellschrauben zum Schutz ihrer Informationen.

    Ärgerlich und flach erscheint mir auch die Auseinandersetzung mit dem Datenschutz, speziell mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Mir ist kein Datenschützer bekannt, der es den Internet-Usern verbieten will, ihre Daten freiwillig im Internet bekannt zu geben. Falsch ist auch die Annahme, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sei rein negativ konzipiert, gar ein ‚Recht auf Verstecken’. Neben den Verbots- und Beschlagnahmungsszenarien des Datenschutzes bleiben kontruktive Ansätze völlig außen vor, etwa die technologisch orientierten Datenschutzansätze des Privacy by Design (frühzeitige Berücksichtigung von Datenschutz bei der Systementwicklung) und des Privacy by Default (datenschutzfreundliche Voreinstellungen etwa bei Internetdiensten). Viel lieber werden Datenschützer als Pappkameraden aufgebaut und abgeschossen, weil sie einfach nicht verstehen wollen, dass alles öffentlich sein muss.

    Für gerade zu naiv und gefährlich halte ich es schließlich, wie Unterdrückungspotentiale heruntergespielt werden, die mit der alltäglichen Überwachung einhergehen. Pressemeldungen über Überwachungsstaaten lassen nur erahnen, in welchem Ausmaß Datenströme kontrolliert, zensiert und manipuliert werden können. Offensichtlich haben sich deren Apparate bereits darauf eingerichtet, die Informationen, die Facebook, Twitter und Co. liefern, zu nutzen und Oppositionelle noch gezielter zu unterdrücken.

    „Machen wir das Beste daraus“ heißt für mich nicht, derlei Entwicklungen achselzuckend hinzunehmen. Vielmehr muss der Weg in die demokratische Informationsgesellschaft mit gestalterischem Anspruch begleitet werden. Dieser Anspruch umfasst rechtliche und wie technologische Gestaltungsprinzipien, um die Rechte der Netzbürgerinnen und Netzbürger – darunter das Recht auf Privatsphäre und auf informationelle Selbstbestimmung – auch im 21. Jahrhundert zu gewährleisten.

    Ihr

    Peter Schaar
    Geändert von Peter Schaar (19.12.2011 um 18:09 Uhr) Grund: Rechtschreibfehler

  2. #2
    Registriert seit
    19.12.2011
    Beiträge
    1

    Standard

    Für mich sind die Unterdrückungspotentiale die größte Gefahr und die größte Herausforderung. Allerdings gab es schon immer Untersdrückungspotentiale, denn z. B. die Stasi hat ja lange Zeit vorzugsweise mit analogen und zwischenmenschlichen Methoden gearbeitet. M. E. kann man seine Privatsphäre am besten schützen, wenn man die sensibelsten Daten eben nicht digital verarbeitet und somit nicht ins Netz einfließen lässt. Der Umgang mit Daten, dem Datenschutz, der Datensicherheit muss schon in ganz frühen Jahren gelehrt, gelernt und eingeübt werden. Da liegen Verantwortlichkeiten bei den Eltern, Lehrern, im Verein und in anderen Organisationen, wo auch mal ein offenes Wort gesprochen wird, welches nicht gleich veröffentlichkeitswürdig sein sollte, zumindest nicht ohne Einwilligung desjenigen, der die Aussage gemacht hat. Soviel freiwilliger Datenschutz wie möglich, aber auch genauso viel wie nötig, z. B. im Gesundheits-, Finanz- und Sicherheitswesen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Peter Bollmeyer

  3. #3
    Registriert seit
    22.02.2011
    Ort
    München
    Beiträge
    3.109

    Standard

    Ich muss zunächst gestehen, dass ich keine Lust habe, dieses Buch zu lesen, mag es
    noch so geistreich & intelligent sein.

    Provozierend & nur aus dieser Kurzrezension folgernd möchte ich sagen: mit einem
    Verweis auf andere Zeiten/Kulturen verteidigen sich auch Päderasten and Friends.
    Etwas zurückhaltender könnte ich formulieren ... hab ich aber schon.

    Das ist mir kein Argument.

    Einen Verzicht auf Bürgerrechte ob technologischer Weiterentwicklung erinnert auch
    mich an vom Fuß-auf-den-Kopf-gestellte Folgerungen und meine Antwort ist radikaler:

    Was meine Grundrechte preisgeben will, das ist mir ein Feind. Mag es labern, was
    es will - es hat mir weniger Platz als radikale Parteien.

    "Hunde, wollt Ihr ewig privates Leben?" Das ist die perverse Grundhaltung.

    Aber wie gesagt: keine Lust zum Lesen. Zu widerwärtig.

  4. #4
    Registriert seit
    20.12.2011
    Beiträge
    1

    Standard

    Ich habe schon mal im März zum Thema Spackeria und Datenschutz etwas umfassender Stellung genommen. Mein Problem ist nicht die Kritik am aktuellen BDSG sondern die Diskreditierung des Datenschutzes als "freiheitsgefährdend"

    http://www.tauss-gezwitscher.de/?p=2240

  5. #5
    Registriert seit
    21.06.2011
    Beiträge
    67

    Standard

    Zitat Zitat von haderner Beitrag anzeigen
    ...
    Was meine Grundrechte preisgeben will, das ist mir ein Feind. Mag es labern, was
    es will - es hat mir weniger Platz als radikale Parteien.

    "Hunde, wollt Ihr ewig privates Leben?" Das ist die perverse Grundhaltung.

    Aber wie gesagt: keine Lust zum Lesen. Zu widerwärtig.
    Richtig.
    Bezeichnend finde ich noch die geradezu hündische Ergebenheit in den naturalistischen Fehlschluss: Weil immer mehr Daten veröffentlicht werden und veröffentlicht/geleakt werden können, soll es auf einmal so sein.
    Erinnert an die Beratung von Kranken, denen eingeredet wird, ihre Krankheit sei Schicksal/notwendiger Konflikt/Chance, anstatt sie zum Arzt zu schicken.

    Daher noch einmal zustimmend:
    Zitat Zitat von haderner Beitrag anzeigen
    Zu widerwärtig.

  6. #6
    Bernd Pöhlmann Gast

    Standard

    Hallo Herr Schaar,

    vielen Dank für Ihre Rezension, quasi Ihre "Weihnachtsansprache" zum Thema Datenschutz :-)
    Wenige Themen der letzten Jahrzehnte haben das tägliche Leben der Menschen so sehr umgekrempelt wie der Computer und das Internet. Dass dabei die Privatsphäre so sehr aufgelöst wurde und das auch noch zu größten Teilen freiwillig durch uns Menschen selbst, ist eine Entwicklung, die weder aufzuhalten noch wirklich zu verstehen oder gar zu kontrollieren ist. Was hingegen in naher oder hoffentlich auch ferner Zukunft kontrolliert werden wird (ob durch Firmen oder Staaten spielt letztlich keine Rolle) ist, wer wie am Markt teilnehmen wird.
    Man kann ja zu Prophetien stehen wie man will, aber eine totale Marktkontrolle ist zumindest aus Sicht des Propheten Johannes irgendwann einmal der Fall (Offenbarung 13, Vers 16+17): Außerdem sorgte das zweite Tier dafür, dass sich alle Menschen - Hohe und Niedrige, Reiche und Arme, Freie und Sklaven - ein Kennzeichen an ihre rechte Hand oder ihre Stirn machen ließen. Ohne dieses Kennzeichen - das war der Name des Tieres beziehungsweise die Zahl seines Namens - würde niemand mehr etwas kaufen oder verkaufen können.
    Bitte nicht falsch verstehen, ich sehe hier keinen Bezug zu aktuellen Situationen, ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Kontrolle der Gesellschaft nicht mehr der aufwändigen Geheimdienste und ihrer analogen Möglichkeiten der Vergangenheit bedürfen, heute und vor allem auch in Zukunft sind unsere digitalen Daten der Stoff, aus dem die "Zwangsjacken der Zukunft" gestrickt werden.
    Aber wie in anderen Bereichen gilt auch hier: Ahnung haben, mitreden und mitgestalten im Rahmen der eigenen Möglichkeiten ist der einzige Weg, nicht ein willenloser Spielball der Interessen anderer zu werden, sondern seine eigene Privatsphäre zu leben. In diesem Sinne danke ich allen aktiven Datenschützern für Ihre Bemühungen (insbesondere auch Ihnen, Herr Schaar) und wünsche uns ein möglichst „privates“ Jahr 2012!

    Mit freundlichem Gruß
    Bernd Pöhlmann

  7. #7
    Registriert seit
    17.03.2010
    Beiträge
    1.041

    Standard

    Ich halte dies für lesenswert, weil es "so anders" ist und den Kopf frei und beweglich hält und wünschte mir Ihre Meinungen dazu. Zitiert wird dort u.a. Christian Heller, Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre mit folgenden Worten:

    Der Gartenzaun war bedeutsam: Er sollte eine nicht nur architektonische, sondern auch geistige Grenze gegenüber den Nachbarn ziehen. Der Arbeiter sollte lernen, sich als getrennt von seinem Nebenmann zu betrachten, statt als Teil derselben Schicksalsgemeinschaft im Klassenkampf. Der Zaun sollte den Mob auftrennen und den Horizont der Arbeiter auf ihre Privatsphäre verengen.

  8. #8
    Registriert seit
    19.06.2009
    Beiträge
    5.131

    Standard

    Bürgerrechte: BKA-Vizechef lehnt Privatsphäre im Netz ab

    Von Konrad Lischka, Spiegel Online



    Privatsphäre nur offline: Der Vizepräsident des Bundeskriminalamts sieht Bürgerrechte im Netz als nur bedingt gültig. Wer das Internet nutze, bewege sich im öffentlichen Raum und handele nicht privat. Nach dieser Logik dürften Ermittler jeden Nutzer jederzeit überwachen.

    Berlin - Über Cyber-Kriminalität sollte BKA-Vizepräsident Jürgen Maurer an diesem Mittwoch auf dem Europäischen Polizeikongress sprechen. Maurer ergänzte das Redemanuskript an einer entscheidenden Stelle um eine allgemeine Anmerkung zu Bürgerrechten im Internet. Die hat es in sich: "Wer im Internet ist, hat den Privatraum verlassen und befindet sich quasi im öffentlichen Raum."

    Erstaunliche Aussagen eines hohen Beamten.

    Ich frage mich, ob der BKA-Präsident diese Auffassung teilt und wie das vorgesetzte Ministerium sich dazu stellt.

    Wie sollen die deutsche Polizei, die Beamten an der Front, das Grundgesetz und das geltende Gesetz ernst nehmen, wenn so was propagiert wird?

    Hat der Vorgang irgendeine Fortsetzung gefunden?
    Ulrich Dammann
    Moderator - Administrator

  9. #9
    Registriert seit
    17.03.2010
    Beiträge
    1.041

    Standard

    Die Naivität der Medien wird durch professionelle Datenschnüffler locker ausgenutzt, insbesondere, wenn sie aus den USA kommen und einen Nerd-Bart und -Brille tragen?

    Nirgendwo wird im Interview auch nur vermutet, dass er eventuell sein Geld damit verdient, dass der Datenschutz extrem mangelhaft ist. Europäische Naivität gegen knallharte US-Geschäftsinteressen. Zum hundersten Mal. Und die ZEIT reitet derzeit auf der Welle, die Generationen gegeneinander auszuspielen: Babybommer (*1958-*1966) gegen *1966 ff.

Ähnliche Themen

  1. Betriebsvereinbarung ohne Betriebsrat & Abscannen von PC`s ohne Wissen
    Von nocravallos im Forum Betriebsrat, Personalrat
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 23.02.2011, 22:15
  2. EU-Forschungsprojekts zur Zukunft der Privatsphäre
    Von DaVinci_2006 im Forum Europa, Internationales
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 01.04.2010, 07:39
  3. "wissen aktuell: Leben im Netz" am 3. Februar ab 20.15 Uhr
    Von Ulrich Dammann im Forum Datenschutz - Gesellschaft - Politik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 30.01.2010, 13:12
  4. Schutz der Privatsphäre
    Von Hades im Forum Arbeitnehmerdatenschutz
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 28.11.2009, 20:55
  5. Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 20.10.2009, 22:22

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •