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Thema: Nach dem Urteil ist vor dem Urteil - Zur Unabhängigkeit der Datenschutzaufsicht

  1. #1
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    Standard Nach dem Urteil ist vor dem Urteil - Zur Unabhängigkeit der Datenschutzaufsicht

    In der vergangenen Woche hat das Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung über die Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsdaten dem Gesetzgeber erneut die Leviten gelesen. Das Gesetz ist nicht nur verfassungswidrig, sondern nichtig. Dies hat zur Folge, dass die auf Basis des Gesetzes gesammelten Vorratsdaten unverzüglich zu löschen sind.

    Auch in dieser Woche ist eine wichtige Entscheidung eines höchsten Gerichts zu erwarten. Der Europäische Gerichtshof hat für den 9. März die Verkündung seines Urteils zur Unabhängigkeit der Datenschutz-Aufsichtsbehörden angekündigt. Dabei geht es um ein Vertragsverletzungsverfahren, das die europäische Kommission gegen die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet hat.

    Die Datenschutzkontrolle ist in Deutschland stark zergliedert: der Bundesbeauftragte für den Datenschutz kontrolliert die Behörden des Bundes, die Landesbeauftragten überwachen die Einhaltung der Datenschutzregelungen bei den öffentlichen Stellen der Länder. Für die Kontrolle bei Unternehmen und anderen nicht-öffentlichen Stellen sind "Aufsichtsbehörden für den Datenschutz" zuständig. Diese Aufsichtsbehörden waren früher überwiegend nachgeordnete Stellen der zuständigen Fachministerien, also überwiegend der Innenministerien. In manchen Fällen waren und sind es sogar die Innenministerien selbst, welche die Datenschutzaufsicht über die Wirtschaft ausüben. In einer zunehmenden Zahl von Bundesländern hat man mittlerweile die Datenschutzaufsichtsbehörden für den öffentlichen und den nicht-öffentlichen Bereich bei den Landesdatenschutzbeauftragten zusammengelegt. Besonders kompliziert gestaltet sich die Datenschutzaufsicht in den Bereichen Telekommunikation und Post. Hier hat der Bundesbeauftragte für den Datenschutz zwar die Einhaltung der Datenschutzvorschriften zu kontrollieren, kann aber - anders als die Landesaufsichtsbehörden - Ordnungswidrigkeiten nicht selbst verfolgen und muss bei entsprechenden Verstößen die Bundesnetzagentur davon überzeugen, Bußgeldverfahren gegen Telekommunikations- oder Postunternehmen einzuleiten.

    Gegenstand des Verfahrens beim EuGH sind Beschwerden über die mangelnde Unabhängigkeit der deutschen Landesbehörden, soweit sie die Datenschutzaufsicht über die Privatwirtschaft ausüben.
    Dabei geht es zum einen um die organisatorische Einbindung knapp der Hälfte der Landesdatenschutzbehörden in die jeweiligen Innenministerien. Zum anderen hat der EuGH darüber zu entscheiden, ob die Rechts-, Fach- und Dienstaufsicht der Landesregierungen über die Datenschutzbehörden mit der europäischen Datenschutzrichtlinie vereinbar sind.

    Gemäß Art. 28 der EG-Richtlinie sehen die Mitgliedstaaten vor, "dass eine oder mehrere öffentliche Stellen beauftragt werden, die die Anwendung der von den Mitgliedstaaten zur Umsetzung dieser Richtlinie erlassenen einzelstaatlichen Vorschriften in ihrem Hoheitsgebiet zu überwachen" haben. Weiter heißt es: "Diese Stellen nehmen die ihnen zugewiesenen Aufgaben in völliger Unabhängigkeit war." Die europäische Kommission - und nicht nur sie - befürchtet nun, dass ein Ministerium oder eine nachgeordnete Behörde, wie zum Beispiel ein Regierungspräsidium, nicht unabhängig handeln. Auch die vielerorts vorgesehene Aufsicht der Landesregierungen über Datenschutzbehörden ist nach Auffassung der Kommission nicht mit der von der Richtlinie geforderten "völligen Unabhängigkeit" zu vereinbaren. Insofern dürfte die Entscheidung des EuGH nicht nur Auswirkungen auf diejenigen Länder haben, in denen die Datenschutzaufsicht über den privatwirtschaftlichen Sektor von Ministerien oder Regierungspräsidien ausgeübt wird, sondern auch auf die Länder, in denen diese Aufgabe den Landesdatenschutzbeauftragten zugewiesenen ist.

    Dies gilt im übrigen auch für meine Stellung als Bundesbeauftragter für den Datenschutz, obwohl die Datenschutzaufsicht auf Bundesebene nicht formell Gegenstand des Beanstandungsverfahrens ist. Nach § 22 Abs. 4 BDSG ist der Bundesdatenschutzbeauftragte zwar "in der Ausübung seines Amtes unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen." Gleichwohl untersteht er der "Rechtsaufsicht der Bundesregierung". Und in § 23 Abs. 2 BDSG heisst es: "Der Bundesbeauftragte wird beim Bundesministerium des Innern eingerichtet. Er untersteht der Dienstaufsicht des Bundesministeriums des Innern..."

    Der Generalanwalt beim EuGH hat empfohlen, die Klage der Kommission abzuweisen. In vielen - aber bei weitem nicht allen - vorangegangenen Fällen ist der EuGH dem Votum des Generalanwalts gefolgt. Man darf also gespannt sein, wie der EuGH in dieser Sache entscheiden wird und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn die Datenschutzbehörden durch den EuGH gestärkt werden.

    Ihr
    Peter Schaar




    After the decision is before the decision - on the independence of the supervision of data protection


    Bonn/ Berlin, 6 August 2010 The Federal Commissioner of Data Protection - Peter Schaar. The blog.


    In the past week, by means of its decision on the retention of telecommunications data, the Federal Constitutional Court read again a lecture to the legislator. The Act is not only unconstitutional, but null and void. As a consequence the retained data collected on the basis of the Act are to be deleted immediately.


    In the past week, by means of its decision on the retention of telecommunications data, the Federal Constitutional Court read again a lecture to the legislator. The Act is not only unconstitutional, but null and void. As a consequence the retained data collected on the basis of the Act are to be deleted immediately.

    Also this week an important decision of a supreme court is to be expected. The European Court of Justice announced the announcement of its judgment on the independence of data protection supervisory authorities for 9 March. This concerns a treaty infringement procedure initiated by the European Commission against the Federal Republic of Germany.

    In Germany, the supervision of data protection is extremely subdivided: the Federal Data Protection Commissioner controls the authorities of the Federation, the data protection commissioners of Federal States (the “Länder”) supervise whether data protection regulations are complied with by the public bodies of the Federal States. “Data protection supervisory authorities " are competent for the control of companies and other non-public bodies. In the past, these supervisory authorities were for the most part subordinate bodies of the responsible specialist ministries, thus predominantly of the ministries of the Interior. In some cases the ministries of the Interior even were and are the bodies supervising the business sector as regards data protection. In an increasing number of Federal States meanwhile the data protection supervisory authorities for the public and non-public sector were merged at the data protection commissioners of the Federal States. The supervision of data protection in the sectors of telecommunications and postal services proved to be particularly complicated. Admittedly, in this field, the Federal Data Protection Commissioner has to control the compliance with data protection regulations, however, - other than the data protection supervisory authorities of the Federal States - he cannot prosecute administrative offences by himself and in the case of respective infringements he has to convince the federal network agency to initiate fine proceedings against companies providing telecommunications- or postal services.

    Complaints about the lacking independence of the German federal state authorities are the subject matter of the proceedings at the ECJ as far as they exercise the supervision of data protection in the private sector. This concerns on the one hand the organizational integration of almost half of the Federal States’ data protection authorities into the respective ministries of the Interior. On the other hand the ECJ has to decide whether the Federal States’ governments legal supervision, supervisory control and administrative control of the data protection authorities are compatible with the European Data Protection Directive.

    In accordance with Art. 28 of the EU Directive the Member States provide for the fact that „one or more public authorities are responsible for monitoring the application within its territory of the provisions adopted by the Member States pursuant to this Directive“. Furthermore: "These authorities shall act with complete independence in exercising the functions entrusted to them." The European Commission - and this institution is not the only one - now fears that a ministry or a subordinate authority, such as a regional council, does not act independently. In the opinion of the Commission, also the supervision of data protection authorities exerted by Federal State governments, which is intended in many places, is not compatible with the "complete independence" demanded by the directive. In this respect the decision of the ECJ might have consequences not only for those Federal States in which the supervision of data protection regarding the private sector is exerted by ministries or regional councils, but also for those Federal States in which this task is assigned to the data protection commissioners of the Federal States.

    Besides, this also applies to my position as the Federal Data Protection Commissioner, although the supervision of data protection at the federal level is not formally the subject of the objection procedure. According to sect. 22 para. 4 BDSG (Federal Data Protection Act), admittedly, the Federal Data Protection Commissioner is “independent in the performance of his or her duties and subject only to the law”. Nevertheless, “he or she shall be subject to the legal supervision of the Federal Government“. And § 23 paragraph 2 BDSG reads: "The Federal Commissioner shall be established at the Federal Ministry of the Interior. He or she shall be subject to the administrative supervision of the Federal Ministry of the Interior… “.

    The advocate general at the ECJ recommended dismissing the Commission’s action. In many - however by far not all - previous cases the ECJ followed the vote of the advocate general. One can be curious about the ECJ’s decision in this matter and about the consequences. In any case I would highly appreciate it if the data protection authorities were strengthened by the ECJ.

    Yours sincerely,
    Peter Schaar
    Geändert von Ulrich Dammann (25.10.2010 um 15:17 Uhr) Grund: English version added - jetzt auch auf englisch

  2. #2
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    Standard Nach dem Urteil ist vor dem Urteil

    Sehr geehrter Herr Schaar,
    in Ihrem Beitrag vermisse ich einen Hinweis auf die Rundfunkbeauftragten für den Datenschutz, die aufgrund der gesetzlichen Ausgestaltungen (vorwiegend in den Landesdatenschutzgesetzen - vgl. z.B. § 38 LDSG BW - oder den Rundfunkgesetzen) ebenfalls unabhängige Kontrollstellen sind. (Dasselbe gilt für die kirchlichen Datenschützer.) Dies führt zwar zu einer weiteren "Zersplitterung" der Aufsicht, doch entspricht dies den verfassungsrechtlichen Vorgaben ebenso wie die föderale Struktur der Landesdatenschutzbeauftragten. Aus meiner jahrelangen Praxis als Rundfunkbeauftragter für den Datenschutz beim SWR kann ich Ihnen aber versichern, dass die unterschiedlichen Kontrollzuständigkeiten (vgl. den Überblick in RN 43 zu § 42 BDSG bei Bergmann/Möhrle/Herb, Datenschutzrecht, Boorberg-Verlag) nie zulasten von Betroffenen gegangen sind.
    Mit freundlichen Grüßen
    Prof. Dr. Armin Herb

  3. #3
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    Standard

    Lieber Prof. Herb,

    ich habe - um die Leser nicht zu überfordern - ganz bewusst darauf verzichtet, das deutsche Datenschutzkontrollsystem in allen seinen Verästelungen darzustellen. Dazu gehören neben den Datenschutzbeauftragten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (mit oder ohne Zuständigkeit für die Kontrolle der Verarbeitung nicht-redaktioneller Daten) noch besondere Institutionen für die Datenschutzkontrolle bei privaten Rundfunkveranstaltern (zumindest in Bayern), der Deutsche Presserat für den Redaktionsdatenschutz und - last but not least - die kirchlichen Datenschutzbeauftragten.

    Für alle Datenschutzinstitutionen wird sich nach der für morgen zu erwartenden Entscheidung des EuGH die Frage stellen, ob hier Änderungsbedarf besteht.

    Ihr
    Peter Schaar

  4. #4
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    Standard Europäischer Gerichtshof: Deutschland verstößt gegen EG-Datenschutzrecht

    dazu gab's gerade einen BfDI-Newsletter, inhaltlich zu lesen unter

    http://www.bfdi.bund.de/DE/Oeffentli...engigkeit.html

  5. #5
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    Standard Unabhängigkeit fehlt

    Europäischer Gerichtshof: Deutschland verstößt gegen EG-Datenschutzrecht
    Bonn/Berlin, 9. März 2010

    Der Europäische Gerichtshof stellt in seinem heutigen Urteil fest, dass die Datenschutzaufsicht über die Privatwirtschaft in Deutschland nicht unabhängig ist und den Anforderungen der EG-Datenschutzrichtlinie nicht genügt. Europarechtswidrig ist nicht nur die organisatorische Einbindung knapp der Hälfte der Datenschutzaufsichtsbehörden für den nicht-öffentlichen Bereich in die jeweiligen Innenministerien, sondern auch die Aufsicht der Landesregierungen über die Datenschutzbehörden.

    Hierzu sagte der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar:

    Ich freue mich über diese klaren Worte des Europäischen Gerichtshofs. Dies ist eine deutliche Stärkung des Datenschutzes. Deutschland ist nun verpflichtet, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Vertragsverletzung zu beseitigen. Auch wenn sich das Urteil direkt auf die Aufsichtsbehörden der Länder bezieht, wird auch zu untersuchen sein, welche weiteren Konsequenzen sich für die anderen Stellen ergeben, die über den Datenschutz wachen.

    Artikel 28 der EG-Datenschutzrichtlinie fordert, dass die Datenschutzaufsichtsbehörden ihre Aufgaben in völliger Unabhängigkeit ausführen können müssen. Umstritten war bisher, wie weit diese Unabhängigkeit in der Praxis geht. Der Europäische Gerichtshof hat nun klargestellt, dass jedes Risiko einer Einflussnahme auf die objektive und unabhängige Entscheidung der Datenschutzaufsichtsbehörden vermieden werden muss.
    Ulrich Dammann
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  6. #6
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    Standard mehr vom EuGH

    EuGH: "Völlige Unabhängigkeit" der Datenschutzaufsicht zu gewährleisten [Update]

    Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Bundesrepublik Deutschland im Einklang mit einem Antrag der EU-Kommission für schuldig befunden, mit der in den Bundesländern vielfach gehandhabten Praxis der "staatlichen Aufsicht" über Instanzen zur Datenschutzkontrolle gegen EU-Recht verstoßen zu haben. In dem am heutigen Dienstag verkündeten Urteil (Az. C-518/07) betont die Große Kammer, dass die EU-Datenschutzrichtlinie die "völlige Unabhängigkeit" der Arbeit der zuständigen Kontrollstellen vorschreibe. Die Bundesrepublik habe diese Vorgabe falsch umgesetzt, indem sie die Überwachung der Verarbeitung personenbezogener Daten durch private Stellen und öffentlich-rechtliche Wettbewerbsunternehmen ihrerseits einer staatlichen Kontrolle unterworfen habe.


    Die Richter wenden sich mit der Entscheidung gegen die Empfehlung des Generalanwalts Jan Mazak vom November, was selten vorkommt. Dieser hatte in seinem Schlussantrag die Meinung vertreten, aus einer staatlichen Aufsicht der Kontrollstellen sei nicht zu schlussfolgern, dass sie ihre Arbeit nicht vollkommen unabhängig im Sinne der EU-Vorgaben durchführen könnten. Der EuGH hielt dagegen, dass die Datenschutzaufsicht im privaten Bereich "jeglicher äußeren Einflussnahme entzogen sein" müsse, "die ihre Entscheidungen steuern könnte". Dies sei erforderlich, um in allen Mitgliedstaaten ein gleich hohes Niveau des Schutzes natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten zu schaffen, und trage so zum "freien Datenverkehr" im Binnenmarkt bei. Die Grundrechte müssten in der EU überall auf gleichem Niveau gewahrt werden.

    [Update: Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar, sieht in dem Urteil eine deutliche Stärkung des Datenschutzes. Der EuGH habe klargestellt, dass jedes Risiko einer Einflussnahme auf die objektive und unabhängige Entscheidung der Datenschutzaufsichtsbehörden vermieden werden muss. In Schaars Stellungnahme heißt es weiter, auch wenn sich das Urteil direkt auf die Aufsichtsbehörden der Länder beziehe, müsse auch untersucht werden, welche weiteren Konsequenzen sich für die anderen Stellen ergeben, die über den Datenschutz wachen.]

    Der Streit zwischen Kommission und der Bundesrepublik um die Aufsicht über die Gewährleistung der Privatsphäre zieht sich schon gut fünf Jahre hin. 2005 hatte die Brüsseler Behörde wegen angeblich unzulässiger Datenschutzgesetze ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet und eine Stellungnahme verlangt. Ende 2006 forderte sie die Bundesrepublik dazu auf, die Organisation der Kontrollstellen für die Datenverarbeitung im nicht-öffentlichen Bereich in den Bundesländern zu ändern. Im Allgemeinen dienen hierzulande die Regierungspräsidien der Länder als Datenschutz-Aufsichtbehörden. Ein Rechtsstreit um die Aufbewahrung von IP-Adressen in Hessen etwa hatte aber Anlass zu der Vermutung gegeben, dass diese Kontrolle nicht immer wirklich frei von Interessenkonflikten agiert.

    Einzelne Bundesländer haben bereits vor dem Richterspruch begonnen, die Zuständigkeiten für die Datenschutzaufsicht neu zu organisieren und zu vereinheitlichen. Zuletzt machte in Brandenburg Anfang des Jahres die rot-rote Regierungskoalition den Weg frei für eine entsprechende Gesetzesänderung. So soll die Kontrolle für den privaten und den öffentlichen Bereich bei der Landesdatenschutzbeauftragten Dagmar Hartge gebündelt werden. Ein Ziel dabei ist es, den EU-Anforderungen Rechnung zu tragen. Vergleichbare kombinierte Kontrollansätze gibt es bereits in Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. (Stefan Krempl)
    Ulrich Dammann
    Moderator - Administrator

  7. #7
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    Standard Super! Begrüsse das Urteil!

    Hatte einen praktischen Fall von "keine Unabhängigkeit" in Bayern:
    Eine Anfrage/Beschwerde zum Datenschutz eines fränkischen Flughafens ging in Bayern an die dafür zuständige Stelle, die Regierung von Mittelfranken. Die ist aber witzigerweise auch Anteilseigner am Flughafen...Die sollen sich also selbst rügen? Haben sie -erwartbarerweise- auch nicht gemacht...
    Bin froh, wenn diese Praxis dann aufhört und eine wirklich unabhängige Stelle sich darum kümmert.
    MfG,
    WR

  8. #8

    Standard Unabhängigkeit der Datenschutzaufsicht - auch der Bundesbeauftragte ist betroffen

    Zitat Zitat von Ulrich Dammann Beitrag anzeigen
    EuGH: "Völlige Unabhängigkeit" der Datenschutzaufsicht zu gewährleisten [Update]

    Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Bundesrepublik Deutschland im Einklang mit einem Antrag der EU-Kommission für schuldig befunden, mit der in den Bundesländern vielfach gehandhabten Praxis der "staatlichen Aufsicht" über Instanzen zur Datenschutzkontrolle gegen EU-Recht verstoßen zu haben. In dem am heutigen Dienstag verkündeten Urteil (Az. C-518/07) betont die Große Kammer, dass die EU-Datenschutzrichtlinie die "völlige Unabhängigkeit" der Arbeit der zuständigen Kontrollstellen vorschreibe. Die Bundesrepublik habe diese Vorgabe falsch umgesetzt, indem sie die Überwachung der Verarbeitung personenbezogener Daten durch private Stellen und öffentlich-rechtliche Wettbewerbsunternehmen ihrerseits einer staatlichen Kontrolle unterworfen habe.


    Die Richter wenden sich mit der Entscheidung gegen die Empfehlung des Generalanwalts Jan Mazak vom November, was selten vorkommt. Dieser hatte in seinem Schlussantrag die Meinung vertreten, aus einer staatlichen Aufsicht der Kontrollstellen sei nicht zu schlussfolgern, dass sie ihre Arbeit nicht vollkommen unabhängig im Sinne der EU-Vorgaben durchführen könnten. Der EuGH hielt dagegen, dass die Datenschutzaufsicht im privaten Bereich "jeglicher äußeren Einflussnahme entzogen sein" müsse, "die ihre Entscheidungen steuern könnte". Dies sei erforderlich, um in allen Mitgliedstaaten ein gleich hohes Niveau des Schutzes natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten zu schaffen, und trage so zum "freien Datenverkehr" im Binnenmarkt bei. Die Grundrechte müssten in der EU überall auf gleichem Niveau gewahrt werden.

    [Update: Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar, sieht in dem Urteil eine deutliche Stärkung des Datenschutzes. Der EuGH habe klargestellt, dass jedes Risiko einer Einflussnahme auf die objektive und unabhängige Entscheidung der Datenschutzaufsichtsbehörden vermieden werden muss. In Schaars Stellungnahme heißt es weiter, auch wenn sich das Urteil direkt auf die Aufsichtsbehörden der Länder beziehe, müsse auch untersucht werden, welche weiteren Konsequenzen sich für die anderen Stellen ergeben, die über den Datenschutz wachen.]

    Der Streit zwischen Kommission und der Bundesrepublik um die Aufsicht über die Gewährleistung der Privatsphäre zieht sich schon gut fünf Jahre hin. 2005 hatte die Brüsseler Behörde wegen angeblich unzulässiger Datenschutzgesetze ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet und eine Stellungnahme verlangt. Ende 2006 forderte sie die Bundesrepublik dazu auf, die Organisation der Kontrollstellen für die Datenverarbeitung im nicht-öffentlichen Bereich in den Bundesländern zu ändern. Im Allgemeinen dienen hierzulande die Regierungspräsidien der Länder als Datenschutz-Aufsichtbehörden. Ein Rechtsstreit um die Aufbewahrung von IP-Adressen in Hessen etwa hatte aber Anlass zu der Vermutung gegeben, dass diese Kontrolle nicht immer wirklich frei von Interessenkonflikten agiert.

    Einzelne Bundesländer haben bereits vor dem Richterspruch begonnen, die Zuständigkeiten für die Datenschutzaufsicht neu zu organisieren und zu vereinheitlichen. Zuletzt machte in Brandenburg Anfang des Jahres die rot-rote Regierungskoalition den Weg frei für eine entsprechende Gesetzesänderung. So soll die Kontrolle für den privaten und den öffentlichen Bereich bei der Landesdatenschutzbeauftragten Dagmar Hartge gebündelt werden. Ein Ziel dabei ist es, den EU-Anforderungen Rechnung zu tragen. Vergleichbare kombinierte Kontrollansätze gibt es bereits in Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. (Stefan Krempl)

    Zunächst: Kombinierte Kontrollansätze oder besser: Datenschutzaufsicht aus einer Hand gibt es nicht nur in den von Stefan Krempl genannten Bundesländern, sondern darüber hinaus auch in Bremen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz.
    Außerdem: Auch die Stellung des Bundesbeauftragten für den Datenschutz muss nach dem Urteil des EuGH jedenfalls insoweit gestärkt werden, als er Telekommunikationsunternehmen zu kontrollieren hat. Er unterliegt der Rechtsaufsicht der Bundesregierung, der Dienstaufsicht des Bundesinnenministers und dieser kann sogar einen Vertreter für ihn bestellen. Alles dies ist europarechtswidrig.
    Geändert von Alexander Dix (10.03.2010 um 22:57 Uhr)

  9. #9
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    Standard Ein wenig Hintergrund

    Urteil gegen Deutschland
    Europa befreit Datenschützer von politischem Druck

    Von Frank Patalong

    Wichtiger Sieg für Deutschlands Datenschützer: Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass ihre Abhängigkeit von der Politik deutlich reduziert werden muss. Die bisherigen Gesetze verstoßen gegen EU-Recht, die ganze Struktur muss reformiert werden. ...
    Ulrich Dammann
    Moderator - Administrator

  10. #10
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    Standard Neue einheitliche nationale Struktur der Datenschutzbehörden angesagt ?

    URTEIL
    EuGH befreit Datenschutzbeauftragte
    Deutsche Datenschützer sind nicht unabhängig genug, urteilten Europas oberste Richter. Sie müssen mehr Freiheiten bekommen und sich von den Innenministerien entfernen.
    ...
    Thilo Weichert glaubt, das Urteil könne den "positiven Nebeneffekt" haben, "dass wir nun gezwungen sind, eine einheitliche nationale Struktur der Datenschutzbehörden aufzubauen".

    Brauchen wir eine neue Struktur? Wie sollte sie aussehen?
    Ulrich Dammann
    Moderator - Administrator

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