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Historie zur Vorratsdatenspeicherung

Seit 2006 beschäftigt die Vorratsdatenspeicherung nicht nur Politiker, Datenschützer und die betroffene Bevölkerung, sondern immer wieder die höchsten Gerichte auf nationaler und europäischer Ebene. Im Folgenden wird der Hintergrund dieser Vorratsdatenspeicherung dargestellt.

es sind zwei Computerbildschirme, digitale Zahlen und vier schwarze Personen abgebildet
Quelle: Pixabay

Vorratsdatenspeicherung 1.0

Als Reaktion auf die Terroranschläge in New York, London und Madrid erließ die Europäische Union 2006 die Richtlinie 2006/24/EG (vgl. Richtlinie_2006_24_EG_vom_15_3_2006_Vorratsdatenspeicherung). Diese Richtlinie verpflichtete die EU-Mitgliedstaaten zu einer Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten auf Vorrat. Der Deutsche Bundestag setzte diese Richtlinie in nationales Recht um durch das „Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen sowie zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24/EG“ (vgl. BGBl_Gesetz_Neuregelung_TK-Ueberwachung). Das Gesetz verpflichtete die Anbieter von öffentlich zugänglichen Telekommunikations- und Internetdiensten, Verkehrsdaten über einen Zeitraum von sechs Monaten auf Vorrat zu speichern und diese – im Bedarfsfall – Strafverfolgungsbehörden, Nachrichtendiensten oder mit Aufgaben der Gefahrenabwehr betrauten Behörden zur Verfügung zu stellen.

Bei den zu speichernden Verkehrsdaten handelte es sich um Daten, die bei den Telekommunikationsunternehmen im Rahmen der Erbringung ihres Dienstes erhoben, verarbeitet oder genutzt werden. Bei einem Telefonat mit einem Mobiltelefon sind dies beispielsweise die Telefonnummer des anrufenden und angerufenen Teilnehmers, der Zeitpunkt des Gesprächsbeginns sowie die Gesprächsdauer, die Seriennummer des Mobiltelefons und der SIM-Karte und die zu Beginn des Telefonats genutzte Funkzelle. Neben dem Bereich der Telefonie wurden des Weiteren auch Daten bei der Internetnutzung von der Speicherpflicht umfasst. So gingen auch Informationen zu den genutzten IP-Adressen und über den E-Mailverkehr in die Speicherung ein.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) hat die Vorratsdatenspeicherung von Anfang an als einen unverhältnismäßigen - und damit verfassungswidrigen - Eingriff in das Fernmeldegeheimnis sowie in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung kritisiert. Durch die anlasslose Speicherung aller Telefon-, E-Mail- und Internet-Verkehrsdaten für ein halbes Jahr wurde das gesamte Telekommunikationsverhalten aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger erfasst. Mit diesen Daten ist es unter anderem möglich, weitreichende Sozial- und Bewegungsprofile zu bilden. Jedoch sind die Betroffenen ganz überwiegend weder Verdächtige, noch geht von ihnen eine konkrete Gefahr aus. Damit besteht die Gefahr, dass viele Bürgerinnen und Bürger die ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel nicht mehr unbefangen nutzen, ihr Kommunikationsverhalten entsprechend verändern und gegebenenfalls sogar gänzlich auf Telekommunikation verzichten. Dadurch aber würde die für eine freiheitliche Gesellschaft unabdingbare, unbefangene Kommunikation erheblich beeinträchtigt.

Neben diesen rechtlichen Bedenken hatte der BfDI aber auch erhebliche Mängel bei der praktischen Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung festgestellt. Eine Untersuchung bei den Telekommunikationsanbietern legte offen, dass regelmäßig mehr Daten gespeichert wurden, als vom Gesetz vorgesehen. Aufgrund von fehlenden verbindlichen Vorgaben war auch ein durchgehend hinreichendes Datensicherheitsniveau grundsätzlich nicht gewährleistet.

Weitergehende Informationen zur datenschutzrechtlichen Bewertung der Vorratsdatenspeicherung können Sie der ersten, zweiten und dritten Stellungnahme des BfDI gegenüber dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) entnehmen.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG)

Beim BVerfG wurde gegen die Vorratsdatenspeicherung eine Massenverfassungsbeschwerde mit über 35.000 Beschwerdeführern eingelegt. Im Jahr 2008 schränkte das BVerfG zunächst mit zwei Beschlüssen im einstweiligen Rechtsschutzverfahren die Nutzung der auf Vorrat gespeicherten Daten stark ein. Mit Urteil vom 02.03.2010 erklärte das BVerfG die gesetzlichen Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig und nichtig (vgl. BVerfG_02032010_TKVerkehrsdaten).

Das Gericht führte in diesem Zusammenhang allerdings aus, dass eine anlasslose Speicherung von personenbezogenen Daten über einen Zeitraum von sechs Monaten auf Vorrat lediglich dann strikt verboten sei, wenn sie zu unbestimmten und noch nicht bestimmbaren Zwecken erfolgte. Eine verfassungsgemäße Ausgestaltung der Vorratsdatenspeicherung sei somit grundsätzlich möglich, unterliege allerdings sehr strengen Anforderungen, da der mit der Vorratsdatenspeicherung verbundene Eingriff in das Fernmeldegeheimnis als äußerst schwerwiegend bewertet werde. Die hier beanstandeten gesetzlichen Regelungen hätten diesen Anforderungen jedenfalls nicht genügt.

Dabei stellte das Gericht fest, dass vorsorglich anlasslose Datenspeicherungen grundsätzlich eine Ausnahme bleiben müssten und – insbesondere auch zusammen mit anderen bereits bestehenden Datensammlungen – nicht zu einer Rekonstruierbarkeit praktisch aller Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger führen dürften. Hierfür müsse sich die Bundesrepublik Deutschland auch auf europäischer und internationaler Ebene einsetzen.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) von 2014

Vier Jahre später ereilte die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung das gleiche Schicksal wie das deutsche Umsetzungsgesetz. Mit seinem Urteil vom 08.04.2014 erklärte der EuGH die Richtlinie rückwirkend ab ihrem Inkrafttreten für ungültig (vgl. EuGHUrteil).

Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, die Richtlinie stelle einen Eingriff von besonders großem Ausmaß und besonderer Schwere in die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und auf Schutz personenbezogener Daten dar, ohne gleichzeitig zu gewährleisten, dass dieser Eingriff verhältnismäßig sei und auf das tatsächlich absolut Notwendigste beschränkt würde und machte dies an vier wesentlichen Punkten fest.

Erstens würde eine Speicherpflicht bestehen, die nicht hinreichend differenziert, inwieweit die von der Speicherung erfassten Daten und Personen in irgendeinem konkreten Zusammenhang mit dem Ziel der Bekämpfung schwerer Straftaten stehen. Beispielsweise sei keine Ausnahme für die Telekommunikation von Berufsgeheimnisträgern vorgesehen. Zudem fehle eine Beschränkung der von der Speicherung betroffenen Personen auf solche, die in irgendeiner Weise in eine schwere Straftat verwickelt seien oder deren auf Vorrat gespeicherte Daten aus anderen Gründen zur Verhütung, Feststellung oder Verfolgung schwerer Straftaten beitragen könnten. 

Zweitens fehle eine Beschränkung der Zugangsmöglichkeiten der zuständigen nationalen Behörden zu den Daten und deren späterer Nutzung, beispielsweise durch eine vorherige Kontrollmöglichkeit durch Gerichte oder unabhängige Verwaltungsstellen.

Drittens kritisierte das Gericht die undifferenzierte Vorgabe der Richtlinie zur Speicherdauer der Daten.

Viertens rügten die Richter die fehlenden Vorschriften zur Datensicherheit sowie den Umstand, dass die Daten nicht zwingend im Unionsgebiet gespeichert werden müssten, was für die Gewährleistung der datenschutzrechtliche Kontrolle durch eine unabhängige Stelle erforderlich wäre.

Vorratsdatenspeicherung 2.0

Nachdem die Europäische Kommission im Nachgang des EuGH-Urteils erklärt hatte, vorerst keine Initiative zur Verabschiedung einer neuen Vorratsdatenspeicherung-Richtlinie ergreifen zu wollen, legte die Bundesregierung im Frühjahr 2015 zunächst einen Katalog mit Leitlinien und schließlich einen Gesetzentwurf zur Wiedereinführung einer Vorratsdatenspeicherung vor. Im Dezember 2015 wurde das neue „Gesetz zur Einführung einer Speicherpflicht und einer Höchstspeicherfrist für Verkehrsdaten dann verabschiedet (vgl. BGBl_TKBestandsdaten). Wie das erste Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet auch das zweite Gesetz Telekommunikationsanbieter, Verkehrsdaten anlasslos zu speichern und im Bedarfsfall Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen. Wie das erste Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet auch das zweite Gesetz Telekommunikationsanbieter, Verkehrsdaten anlasslos zu speichern und im Bedarfsfall Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen.

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Gesetzen liegt darin, dass die Speicherdauer von pauschalen sechs Monaten auf vier Wochen für Standortdaten und zehn Wochen für die übrigen Verkehrsdaten verkürzt wurde. Darüber hinaus wurde komplett auf die Speicherung von E-Mail-Daten verzichtet.

Während die Bundesregierung aufgrund dieser und einiger weiterer Änderungen (zum Beispiel im Bereich der Datensicherheit) davon ausgeht, das Gesetz stehe im Einklang mit den deutschen und europäischen Grundrechten, bestehen im politischen Raum, aber auch bei Datenschützern und Bürgerrechtlern Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit der neuen Vorratsdatenspeicherung. Die Änderungen sollen im Wesentlichen dazu dienen, die Vorgaben des BVerfG bestmöglich umzusetzen.

Auch der BfDI hat in seiner Stellungnahme im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens erhebliche Kritik geäußert (vgl. VorratsdatenspeicherungReloaded).

Im Vordergrund stehen dabei zunächst generelle verfassungsrechtliche Bedenken gegenüber einer Vorratsdatenspeicherung. Insbesondere vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus den Enthüllungen zur Verfahrenspraxis von Nachrichtendiensten erscheint es fraglich, ob eine Vorratsdatenspeicherung mit Blick auf die vom BVerfG aufgestellte Vorgabe, die Eingriffsintensität und Auswirkung von Überwachungsmaßnahmen nicht nur individuell, sondern auch in der Gesamtheit zu betrachten, noch als verhältnismäßig angesehen werden kann. Ebenso ist nicht erkennbar, wie das Gesetz die vom EuGH aufgeworfene Problematik der Beschränkung des von der Speicherung betroffenen Personenkreises lösen will.

Neben diesen grundsätzlichen Bedenken finden sich zudem in vielen der einzelnen Vorschriften konkrete datenschutzrechtliche Probleme. Beispielhaft kann die Erfassung der Daten von Berufsgeheimnisträgern oder die umfangreiche Speicherung von Funkzelleninformationen genannt werden, die – anders als vom Gesetzgeber angekündigt – faktisch die Bildung aussagekräftiger Bewegungsprofile ermöglicht.